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Dr. Fritz Ries – Anmerkungen zum 30. Todestag

July 31, 2007

Erstveröffentlichung bei de.indymedia.org Newswire

 

Am 20. Juli 2007 war der 30. Todestag von Dr. Fritz Ries, dem Schleyer die Pistolen trug. Und zu dessen besten Freunden Marianne und Franz-Josef Strauß, wie auch Kohl gehörten.

 

Am 20. Juli 1977 erschoss sich der Unternehmer Dr. Fritz Ries vor einem Spiegel in seinem Haus in Frankenthal. Es handelte sich um Selbstmord – so schrieb die Presse. Tatsächlich war aber die Frankenthaler Staatsanwaltschaft in aufwändigen Ermittlungen vergeblich bemüht, Fingerabdrücke auf der Pistole zuordnen zu können. Und – der Leichnam wurde obduziert. Die Presse war betriebsam, einen Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Schieflage der Ries-Unternehmen sowie der Aufgabe des Vorstandsvorsitzes bei seinem Haupt-Unternehmen PEGULAN Werke AG und dem jedenfalls der Öffentlichkeit dargestellten Selbstmord darzustellen. War es etwa politisch nicht opportun, zur damaligen Zeit – oder wenigstens später – die Unstimmigkeiten und Ermittlungsergebnisse mitzuteilen? Immerhin starb nur drei Monate später Ries-Freund Schleyer, Stellvertretender Vorsitzer des Aufsichtsrats der PEGULAN-Werke AG.

Wer war eigentlich Dr. Fritz Ries?

Die Frage ist leicht zu beantworten, denn hierzu ist es lediglich unerlässlich, den Tatsachenroman “Großes Bundesverdienstkreuz” (Darmstadt 1974) von Bernt Engelmann gelesen zu haben.

Dr. Fritz Karl Ries, geboren am 4. Februar 1907 in Saarbrücken, war Jurist, Unternehmer und königlich marokkanischer Honorar-Konsul ehrenhalber für die Länder Hessen und Pfalz. (Engelmann 66, 70, 83, 228) Als Sohn des Eigentümers einer Möbelhandlung begann er nach dem Abitur ein Jurastudium, zunächst an der Universität Köln, dann an der Universität Heidelberg, wo er 1934 den Doktorgrad erworben hatte. (Engelmann 66) Seit 1933 war Ries Mitglied der NSDAP; (Engelmann 66) 1936 war er als “Vertrauensmann für besondere Angelegenheiten” der GESTAPO vorgesehen. (Engelmann 71, 228) 1942 erhielt er das Kriegsverdienstkreuz. (Engelmann 75)

Fritz Ries war seit 1934 persönlich haftender Gesellschafter der Flügel & Polter KG, Leipzig. (Engelmann 66, 228) Durch Arisierungen und “Übernahmen” erweiterte er diesen 120-Mann-Betrieb zu einem Konzern mit über 10.000 Beschäftigten und wurde dessen Hauptgesellschafter. (Engelmann 66) Alleine bei den von ihm “übernommenen” Betrieben der Oberschlesischen Gummiwerke in Trzebinia (Westgalizien) beschäftigte er im Juni 1942 insgesamt 2653 jüdische Zwangsarbeiter. (Engelmann 40) Nach der Kapitulation Deutschlands meldete er Ansprüche als Vertriebener an. Unter der Regierung von Adenauer beantragte er Entschädigung für seine, von der Roten Armee besetzten, Produktionsstätten – und sie wurde bewilligt. Seit 1945 war Ries in Westdeutschland tätig. (Engelmann 228) 1946 gründete er die PEGULAN-Werke AG und war deren Mehrheitsaktionär und Vorstandsvorsitzender. (Engelmann 83, 228) Er war Ehrenvorsitzender des Verbands der Deutschen Bodenbelags-, Kunststoff-Folien- und Beschichtungsindustrie, Aufsichtsratsvorsitzender der Badischen Plastic-Werke in Bötzingen und Mitglied des Beirats der Commerzbank AG. (Engelmann 83, 228)

In Anerkennung seiner “unternehmerischen Leistung und seines Engagements für die Gesellschaft” wurde er 1967 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz, 1972 mit dem Stern dazu von Helmut Kohl ausgezeichnet. (Engelmann 84, 229). Auf seinem Schloss Pichlarn in der Steiermark trafen sich regelmäßig Unionspolitiker und Wirtschaftsgrößen. (Engelmann S. 84, S. 229)

Inzwischen ist eine nützliche Übersicht über nahezu alle verfügbaren Online-Quellen erschienen: Die Erfinder von Helmut Kohl. Anlass dieser Veröffentlichung war offenbar ein Artikel über die Spezialbehandlung, die Dr. Fritz Ries in der deutschsprachigen Wikipedia von Lektoren, so genannten Administratoren, und mitlaufenden Insidern und Agitatoren zuteil wurde: Wikipedia zensiert systematisch? – Der Fall Bernt Engelmann.

Fakt ist: Es gab einen Prozess Ries ./. Engelmann, sowie eine Gegenklage Engelmann ./. Ries. Das Ergebnis ist für jeden halbwegs intelligenten Menschen nachprüfbar. Denn das Buch von Engelmann ist seitdem unverändert erschienen, keine Zeile, kein Wort und keine Aussage musste er streichen. Im Gegenteil: In den um 50 Seiten erweiterten späteren Ausgaben beschreibt Engelmann in einem Teil 2 die Entstehung wie auch die Wirkung des Buches. Dabei seine Recherchen beim Westberliner Document Center, beim Münchener Institut für Zeitgeschichte sowie bei der Library of Congress in Washington. Und dass die Hauptverwaltung Aufklärung der Stasi (HVA) Archiv-Dokumente über die nationalsozialistische Vergangenheit von Fritz Ries zur Verfügung, stellte, war den Richtern wohl bekannt. Schließlich lag das Firmenarchiv der Flügel & Polter (Bilanzen, Kriegsproduktion, Übernahme von Betrieben in besetzten Gebieten, Persönliche Unterlagen Fritz Ries, Lohn und Personal) in der DDR.

Zahlreiche Dokumente sind in Kopie abgebildet, ebenfalls ist der Prozess dokumentiert, den Ries gegen Engelmann vor der 17. Zivilkammer des Landgerichtes Stuttgart führte – wegen eines einzigen Wortes: Es sei “gröblich unwahr”, dass er sein Vermögen durchweg durch “Arisierung” jüdischer Firmen erworben habe. Engelmann im Gegenzug erhob Klage gegen Ries, und zwar auf Feststellung der Richtigkeit all jener Punkte, auf die es ihm ankam. Der Prozess fand bei in- und ausländischen Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehberichterstattern so große Beachtung, dass im Gerichtssaal nicht alle von ihnen Platz fanden, so beschreibt Engelmann rückblickend die Lage. Tatsache ist: Von denen am Ende zweiundvierzig strittigen Tatsachenbehauptungen sahen die Richter vierzig als voll erwiesen an. Lediglich bei zwei Behauptungen konnte der Wahrheitsbeweis nicht erbracht werden.In einem noch zu veröffentlichen Teil 2 mit dem Titel “Dr. Fritz Ries – der Prozess”, soll dann hier bei Indymedia die Rede darüber sein, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (23.01.1975), DER SPIEGEL (20.01.1975) und die Frankfurter Rundschau (21.05.1975) über diesen Prozess berichteten. Und in Ausführlichkeit und Darstellung, wie die in Frakturschrift gedruckte F.A.Z. diese Berichterstattung betrieb, war das dem SPIEGEL (42/1975) sogar eine Erwähnung wert:

… wie jener fast 250 Zeilen lange Prozeßbericht aus Stuttgart, in dem im Frühjahr die abstoßende Rolle eines Unternehmers mit NS-Vergangenheit und politischen Freundes von Franz Josef Strauß, des “Pegulan”-Chefs Fritz Ries, als Kläger gegen den linken Buchautor Bernt Engelmann (“Großes Bundesverdienstkreuz”) akribisch verzeichnet wurde: Lektüre über Ries-Profite bei der einstigen Arisierung jüdischer Betriebe, wie sie keine andere Tageszeitung bot.

Solange hat jeder Leser nun noch die Zeit und Möglichkeit, herauszubekommen, ob Dr. Helmut Kohl nicht unter Erinnerungslücken leidet. Denn bislang ist in seinem Buch Helmut Kohl – Erinnerungen 1930 – 1982 mit keiner Silbe der Name Dr. Fritz Ries noch seine Bedeutung für Helmut Kohl – und andere – aufzufinden gewesen. Es wirkt fast so, als habe es Dr. Fritz Ries nie gegeben, als sei er nicht existent gewesen. Müsste das Buch daher nicht lauten “Helmut Kohl – Erinnerungslücken 1930 – 1982”?

Zwar wurde der SDAJ nachweislich verboten, zu verbreiten, was im Manager Magazin und der Wirtschaftswoche dann abgedruckt war, nämlich Kanzlerkandidat Kohl müsse springen, wenn der Industrielle Fritz Ries ihn “nachts um drei” anruft. Nach Aussage seines Schwiegersohns Herbert K., der samt Ehefrau und Ries-Tochter Monika bereit war, gegen das Familienoberhaupt in den Zeugenstand zu treten, entsprach dies aber durchaus der Auffassung von Ries, und er habe den CDU-Chef noch ganz anders bewertet: als “Hauspolitiker” der eigenen Firma, als “Proleten, den man freilich nötig hat”.

Dr. Fritz Ries – Prozessberichterstattung

July 31, 2007

der_spiegel_17051975.pdf

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faz_23011975.pdf

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